Kunsthistorische Analyse des Buchschmucks im Magnum Legendarium Austriacum[1]

Susanne Rischpler

 

In der vorliegenden kunsthistorischen Untersuchung wurden alle 21 erhaltenen Handschriften des Magnum Legendarium Austriacum, auch jene mit bescheidenerem Buchschmuck, stilkritisch analysiert.[2] Die methodische  Vorgehensweise der Analyse orientiert sich dabei an den Katalogen der „Mitteleuropäischen Schulen“ zur Erschließung der illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien. Für die Ausstattung jedes einzelnen Bandes wurde eine Beschreibung angelegt, die jeweils einen hierarchisch aufgebauten Überblick über den Buchschmuck liefert und in den jeweiligen Beschreibungen der Handschriften auf der Webdatenbank manuscripta.at zur Verfügung gestellt wird. Demnach stellt folgende Text eine zusammenfassende Sichtweise dar, die anhand der Stilanalysen bei den jeweiligen Handschriften und mittels der Volldigitalisate nachvollzogen werden kann.

Vorausgeschickt wird eine tabellarische Übersicht über die chronologische Reihenfolge der Entstehung der Bände, die sich einerseits aus der im Rahmen des VISCOM-Projekts erstellten Studie Diarmuid Ó Riains und der hier ausgeführten kunsthistorischen Analyse ergeben:

 

Admont, Cod. 25 und 24, zwischen 1170 und 1180/85

Heiligenkreuz, Cod. 11–15, 1183/um 1200

Wien, ÖNB, Cod. 336, St. Pölten, Anfang 13. Jahrhundert

Zwettl, Cod. 13, 24, 14 und 15, 1. Viertel oder 1. Drittel 13. Jahrhundert

Lilienfeld, Cod. 58–60, 1. Drittel 13. Jahrhundert (nach 1202/1206)

Melk, Cod. 388, 4. oder 5. Jahrzehnt 13. Jahrhundert (nach 1230)

Melk, Cod. 546, 3. Viertel 15. Jahrhundert

Melk, Cod. 97, 3. Viertel 15. Jahrhundert (vor 1471)

Melk, Cod. 492, vor 1471 (wohl 1460er Jahre)

Melk, Cod. 101, 3. Viertel 15. Jahrhundert (vor 1471)

Melk, Cod. 16, dat. 1471, Buchschmuck wohl etwas später

Melk, Cod. 100, nach 1471 mit Tendenz zum Jahrzehntende

 

Die Technik des Buchschmucks im MLA

Bei jenen Bänden des Magnum Legendarium Austriacum, deren Entstehungszeitraum sich insgesamt vom letzten Viertel des 12. bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts erstreckt, ist die Federzeichnung die dominierende Technik. Vor der Jahrhundertwende wird sie in den Skriptorien des Zisterzienserordens – diesem gehören Heiligenkreuz, Zwettl und Lilienfeld an – propagiert, dessen Statuten Schmuckfülle im Klosterbereich zu vermeiden trachteten.[3] Zudem beweist die rheinländisch beeinflusste Regensburger Buchmalerei, die auf die Ausstattung des Heiligenkreuzer Legendars wirkte, eine Vorliebe für die Federzeichnung, welche oftmals zweifarbig in roter und brauner Tinte ausgeführt wird.[4] Was sich bei den vergleichsweise bescheidenen Rankeninitialen und figürlichen Initialen der Admonter Bände abzeichnet, dass nämlich die rote Federzeichnung dominiert, braune oder schwarze Tinte den Details vorbehalten bleibt und Kolorierung angewendet wird, setzt sich im Heiligenkreuzer Legendar in stärkerem Ausmaß fort. Lediglich eine von fünf Händen zeichnet in Schwarz, die anderen Hände verwenden – wie auch im Zwettler Legendar – vorrangig rote Tinte. Die Kolorierung spielt im Heiligenkreuzer Legendar zwar noch nicht die Rolle wie im Zwettler MLA, doch wird der Einsatz der Farbe in den Heiligenkreuzer Bänden so wichtig, dass man von einer Neuerung sprechen kann: Nicht nur Binnen‑ und Außengründe, sondern auch Rankenverläufe und Figurenpartien werden mit Farben, die man mit dem Pinsel aufträgt, ausgemalt beziehungsweise modelliert. Zur Charakterisierung der einzelnen Buchmaler(teams) tragen sowohl in den Heiligenkreuzer als auch in den Zwettler Bänden die ihnen eigenen Farbpaletten und ‑kombinationen bei, wobei die erste Hand des Zwettler Legendars auch Gold zum Einsatz bringt und nicht nur Binnen‑ und Außengründen, sondern auch Figuren und Rankenwerk koloriert (und modelliert). Im Melker Cod. 388 aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind die Rankeninitialen in Rot und die figürlichen Initialen überwiegend in Schwarz gezeichnet und die Initialgründe koloriert. Bei den restlichen Melker Bänden, die im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden, wurden die Ornamentalinitialen mit Deckfarbe im Farbdreiklang Grün, Blau und Rosa koloriert. In den sorgfältiger ausgestatteten Melker Codices 101 und 100 fand auch Gold Anwendung.

 

Admont – eigenklösterliche Hauskopie?

Für die beiden ältesten erhaltenen Bände des MLA-Corpus – Admont, Cod. 25 und 24 – stand bislang eine detaillierte Buchschmuck-Analyse aus, die gegebenenfalls datierungs‑ und/oder lokalisierungsrelevante Ergebnisse hätte liefern können.

Rezente stemmatische Studien von Diarmuid Ó Riain deuten auf das Benediktinerstift Admont nicht nur als Schreibort der einzigen direkt vom Ur-MLA angefertigten Kopie, sondern auch als Kompilationsort des MLA.[5] Die Voraussetzungen dafür – eine gut ausgestattete Bibliothek und ein leistungsfähiges Skriptorium – waren in Admont vorhanden. Nimmt man die beiden Admonter Bände in der Tat als das älteste erhaltene MLA-Exemplar an, dann könnte es sich dabei um eine „Hauskopie“ handeln, die im Admonter Skriptorium hergestellt wurde, bevor man das Ur-MLA an andere Klöster aushändigte. Ó Riain deutet die im MLA enthaltene Sammlung der Salzburger Bischofsviten sowie die Vita Mariani auf 1181 bzw. 1177/85 als termini post quos und 1200 als terminus ante quem für die Kompilation des Legendars hin.[6] Auch wenn man den Kompilationsvorgang früh in diesem Zeitraum ansetzt, also im vorletzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, kann der Buchschmuck des Admonter Exemplars, das erst noch vom Ur-MLA abgeschrieben werden musste, frühestens um die Mitte oder in der zweiten Hälfte der 1180er Jahre entstanden sein. Die Buchschmuckanalyse (vgl. Admont, Cod. 25, „Stil und Einordnung“) deutet jedoch darauf hin, dass die Ausstattung des Admonter MLA, die mit großer Wahrscheinlichkeit vor Ort in Admont geschaffen wurde, wohl nicht nach 1180 entstanden ist. Das heißt, dass Kompilation und Kopieren bereits im drittletzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts stattgefunden haben müssten.

Könnten demnach schon die Jahre 1168/69, als der österreichische Herzog Heinrich II. Jasomirgott (reg. 1144–1177) die Vogtei über das Kloster Admont erlangte, ein für die Kompilation des MLA entscheidender Zeitpunkt gewesen sein? Durch seinen Amtsantritt kam das Kloster unter den Einfluss der Babenberger. Heinrich erhielt das Vogtamt als Lehen 1168/69 von den Salzburger Erzbischöfen, die mit Konrad II., ein Bruder des Herzogs, und Adalbert III., sein Neffe, der Familie der Babenberger angehörten.[7] Geht man davon aus, dass in den Jahren 1168/69 beziehungsweise an der Wende zu den 1170er Jahren Planungen für MLA-Kompilation begannen und diese im Laufe der 1170er Jahre in Admont umgesetzt wurden, dann könnte die heute noch erhaltene Admonter Kopie schon gegen Ende 1170er Jahre, spätestens um 1180, vorgelegen haben.

Stilistisch sind die beiden Legendarbände zweifelsohne dem Admonter Skriptorium zuzuweisen, das Einflüsse aus dem österreichisch-süddeutschen Raum verarbeitete, unter anderem aus der Salzburger Buchkunst der Zeit. Diese Tendenz ist nicht verwunderlich, da Admont 1074 als Eigenkloster des Salzburger Erzbischofs gegründet und von der Erzabtei St. Peter aus besiedelt worden war; auch als sich in Admont ab etwa der Mitte des 12. Jahrhunderts ein florierender Skriptoriumsbetrieb etabliert hatte,[8] verlor das Kloster nicht den Kontakt zu seinen Wurzeln. Der Machteinfluss, der vom Sitz des Erzbischofs auf das Eigenkloster ausging, dürfte auch weiterhin einen Transfer im Buchwesen mitgetragen haben.

 

Heiligenkreuz – Großprojekt und stilistischer Melting Pot I

Für das Heiligenkreuzer MLA bestätigen sich die bisherigen Erkenntnisse zu Lokalisierung und Datierung: Dieses Legendar wurde vor Ort in der vom Babenberger Markgrafen Leopold III. 1133 gestifteten Zisterze Heiligenkreuz gegen Ende des 12. Jahrhunderts geschaffen.[9]

Auf Heiligenkreuz als Entstehungsort weisen die lokalen Schreiber und Buchmaler (vgl. die Auswertung auf scriptoria.at). Für die Datierung ist die im letzten Band (Cod. 14) auf f. 32vb

eingetragene Liste der episcopi Salisburgensis ecclesie besonders aussagekräftig, die mit Erzbischof Adalbert III. schließt. Da Adalbert f. 33ra als aktueller Würdenträger angesprochen wird (… usque ad presentem dominum A[dalbertum]), ist anzunehmen, dass er zur Zeit des Schreibvorgangs noch lebte (s. Fingernagel 1985/2, 63f.). Das Legendar dürfte in Heiligenkreuz somit im Zeitraum nach 1183 bis zur Jahrhundertwende fertig geschrieben gewesen sein.[10] Damit verzahnt ist seine buchmalerische Gestaltung anzusetzen.

Das aufwändig und sorgfältig geschmückte Heiligenkreuzer Exemplar eignet sich bestens, um Vorgehensweisen bei einem buchmalerischen Großprojekt, wie es die Ausstattung einer mehrbändigen Legendensammlung darstellt, aufzuzeigen. Seine über 1000 erhaltenen Blätter wurden von fünf Händen, hinter denen sich maximal zehn Einzelzeichner verbergen, mit insgesamt 45 figürlichen Initialen, weit über 500 Rankeninitialen und einer Vielzahl von dekorierten Initialmajuskeln verziert. Der für die Ausschmückung des Heiligenkreuzer MLA anzunehmende Zeitraum darf also getrost auf mehrere Jahre angesetzt werden.

Die Schreiber reichten die von ihnen fertiggestellten Lagen nach und nach an die Buchmaler weiter. Dieser ineinandergreifende Prozess lässt sich im Heiligenkreuzer Legendar in gewissem Maß transparent machen, besonders an der umfangreichen Gruppe der Rankeninitialen. Beispielsweise wurden die etwa 130 Rankeninitialen im dritten Band des Heiligenkreuzer Legendars von drei Illuminatorenhänden ausgeführt, die sich teilweise wiederum in Teams untergliedern lassen.

 

Vermittlungswege der Buchkunst im Heiligenkreuzer MLA

Alle am Heiligenkreuzer Legendar beteiligten Zeichner beziehungsweise Buchmalerteams spiegeln stilistische Einflüsse wider, die sich hauptsächlich aus der niederrheinischen, das heißt im Kölner Raum ausgeübten Buchmalerei des dritten Viertels des 12. Jahrhunderts zu speisen scheinen. Die niederrheinische Buchkunst wurde ihrerseits durch die maasländische geprägt und über Regensburg, insbesondere durch das Benediktinerkloster Prüfening, in den bayrisch-österreichischen Raum vermittelt.[11] Diesen Einfluss hat die neuere Forschung wiederholt diskutiert;[12] daher nur ein kurzer Blick auf ebenjenen plausiblen Vermittlungsweg, der auf einem engen, von West nach Ost führenden Beziehungsstrang zwischen Klerikern, Klöstern und deren Skriptorien beruht. Eine Schlüsselrolle kommt Kuno von Siegburg zu, der von 1126 bis 1132 das Amt des Bischofs von Regensburg bekleidete. Er war mit Rupert von Deutz freundschaftlich verbunden und förderte die Verbreitung seiner Werke.[13] So wurde auch in Heiligenkreuz ein Text des Rupert (Apokalypsekommentar, Cod. 83) abgeschrieben und mit Illustrationen versehen, deren Figurenstil auf Regensburg-Prüfeninger Arbeiten der Zeit fußt.

Darüber hinaus war Bamberg eine Schaltstelle des Vorlagentransfers. Schon Otto von Bamberg, der das Kloster Prüfening gründete und von 1102 bis 1139 als Bischof von Bamberg wirkte, pflegte Beziehungen ins Rheinland, später tat das auch Bischof Eberhard von Bamberg (1146–1170). In der Kanzlei des Bamberger Bischofs war in den 1150er Jahren und um 1162/63 der Prüfeninger Bibliothekar Wolfger tätig, der enge Kontakte zu bayrischen Nachbarklöstern und nach Salzburg unterhielt. Es ist gut nachvollziehbar, dass sich in solchen Netzwerken neue Tendenzen in der Buchmalerei problemlos nach Bamberg und in den bayrisch-österreichischen Raum verbreiten konnten.

Der Einfluss der rheinländisch inspirierten Regensburg-Prüfeninger Buchmalerei manifestiert sich in Heiligenkreuz nicht erstmalig mit dem Großprojekt des Legendars, sondern war bereits ab dem dritten Viertel des 12. Jahrhunderts im dortigen Skriptorium wirksam geworden. Als wichtiger Faktor lässt er sich in einer recht umfangreichen Sancrucenses-Gruppe nachweisen, aus der die Augustinus-Handschrift Cod. 24 in Bezug auf die stilistische Relevanz für das Legendar heraussticht.

Bislang verknüpfte man die Heiligenkreuzer Legendensammlung vor allem durch die in der zweiten Hälfte des dritten Bandes nachweisbare Hand 4 mit der von niederrheinischen Werken angeregten Regensburg-Prüfeninger Buchmalerei.[14] Dieser Einfluss kann auch für die erste Zeichnerhand nachgewiesen werden: bei der Gruppe der Rankeninitialen für die Gestaltung von Initialleisten und Rankenblättern, bei den figürlichen Initialen für anatomische und physiognomische Eigenheiten sowie für die Draperie.

Die buchmalerischen Anstöße entsprangen jedoch nicht nur dem maasländisch-niederrheinischen Gebiet, sondern auch dem nord‑ und ostfranzösischen Raum, was beispielsweise die dritte Hand in der Motivik ihrer Rankeninitialen oder die fünfte Hand durch die Gestaltung ihrer figürlichen Initialen belegt. Die zweite und wiederum die dritte Legendarhand, die Rankenwirbel und radial angeordnete Blattformationen mit fangarmartig ausgreifenden Blattgebilden einsetzen, welche von unkolorierten hunde‑ oder löwenartigen Tierfigürchen bevölkert sind, deuten darüber hinaus auf mittelbare Einflüsse des Channel Style. Dieser in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gebräuchliche Dekorstil mit den für ihn typischen Spiralranken und Oktopusblättern, die von kleinem weißem Getier bevölkert sind, wurde nach seinem Hauptverbreitungsgebiet diesseits und jenseits des Kanals in Südengland und Nordfrankreich benannt.[15] Über die Pariser Buchmalerei gelangte er im zisterziensischen Verbreitungsnetz auf die iberische Halbinsel sowie nach Italien und Deutschland.[16] In der Zeit um beziehungsweise kurz nach 1200 erreichten indirekte Impulse dieses Stils – wie das Heiligenkreuzer und auch das Zwettler Legendar zeigen – den österreichischen Raum.

Die in Cod. 14 tätige fünfte Hand ist der stilistisch interessanteste Zeichner im Heiligenkreuzer Legendar, da er die Hauptströmungen der im Legendar wirksamen Einflüsse auf sich vereint. Bei seinen Rankeninitialen zeigt er neben Spuren des Channel Style Einwirkungen der Manuskriptgruppe um den Heiligenkreuzer Cod. 24, die ihrerseits von der rheinländisch geprägten Regensburg-Prüfeninger Buchmalerei beeinflusst wurde, und seine figürlichen Initialen reflektieren französische Einflüsse wie sie in Teilen der Heiligenkreuzer Sammelhandschrift Cod. 226 nachgewiesen werden können.

 

Zwettl – Großprojekt und stilistischer Melting Pot II

Wie im Falle des Heiligenkreuzer Legendars bestätigen sich für das Zwettler MLA im Großen und Ganzen die bisherigen Erkenntnisse zu Lokalisierung und Datierung: Dieses Werk wurde vor Ort im Zisterzienserstift Zwettl, das 1137/38 von dem Babenberger-Ministerialen Hadmar von Kuenring als Familiengrablege gegründet und von Heiligenkreuz aus besiedelt worden war, im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts (auf jeden Fall vor 1246) geschaffen.[17] Für Zwettl als Entstehungsort sprechen die lokalen Schreiber und Buchmaler (vgl. scriptoria.at).

Die Liste der Salzburger Bischöfe, die im Heiligenkreuzer Legendar (Cod. 14, f. 32vb) bis Adalbert III. reicht, endet im Zwettler MLA (Cod. 15, f. 33va) mit Erzbischof Eberhard II. (1200–1246), der explizit als der gegenwärtige Amtsinhaber angesprochen wird (… usque ad presentem dominum E[berhardum]). Cod. 15 ist der letzte Band des Zwettler Legendars, der Schreibvorgang war zum Zeitpunkt des Listeneintrags also schon relativ weit gediehen. Daraus kann man folgern, dass das Zwettler Legendar zu Regierungs‑ beziehungsweise Lebzeiten Eberhards II., sprich ab beziehungsweise nach der Jahrhundertwende und somit im zeitlichen Anschluss an das Heiligenkreuzer Legendar entstanden ist. Als terminus ante quem der Entstehung des Zwettler MLA steht zweifelsohne das Todesjahr Eberhards II. (1246), die Arbeiten dürften aber schon geraume Zeit davor abgeschlossen gewesen sein.

Für eine Datierung des Buchschmucks in das erste Viertel (oder eventuell Drittel) des 13. Jahrhunderts sprechen folgende Punkte: Die Haupthand des Zwettler Legendars (Hand 3), die in Cod. 24, 14 und 15 tätig war, wurde stilistisch durch das Antiphonar Heiligenkreuz, StiB, Cod. 20 beeinflusst, das sich durch die Darstellung des Heiligenkreuzer Abtes Werner (f. 168r), welcher sein Amt von 1203 bis 1227 ausübte, in das erste Viertel des 13. Jahrhunderts datieren lässt. Die Einleitungsinitiale des zweiten Bandes (Cod. 24, f. 3va1) legt von der im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts in der Zisterze Baumgartenberg gepflegten Buchmalerei Zeugnis ab. Einer der zum Vergleich herangezogenen Baumgartenberger Codices (Linz, OÖLB, Cod. 480) enthält einen Schenkungsvermerk, in dem unter anderem der Baumgartenberger Abt Rüdiger genannt wird, welcher sein Amt von 1207 bis 1232 ausübte. Die Kreuzigungen in Cod. 14 (ff. 38vb, 135rb), die Christus jeweils mit ausgeprägtem Körperschwung zeigen, entstanden an der Wende von der Romanik zur Gotik, wobei f. 135rb der bis ca. 1220 gebräuchliche Viernageltypus begegnet, was aber nicht als strikter terminus ante quem gewertet werden soll. Die erste Zwettler Hand wird neuerdings auf der Basis ikonographischer Untersuchungen in die 1220er Jahre datiert,[18] was bedeuten würde, dass die Ausstattung des Zwettler Legendars nicht unmittelbar im Anschluss an die Fertigstellung des Heiligenkreuzer Legendars, sondern erst in den 1220er Jahren begonnen worden war und dann relativ schnell abgeschlossen wurde. Denn für eine nicht allzu späte Datierung der Abschlussphase der Ausmalung spricht die vierte Zeichnerhand des Zwettler MLA, die stilistische Bezüge zur ersten Heiligenkreuzer Hand und zum Rankenwerk der aufwändigeren Initialmajuskeln des Zwettler Legendars aufweist.

Auch die Zwettler Legendensammlung darf als Großprojekt bezeichnet werden und eignet sich wie das Heiligenkreuzer Legendar sehr gut, um Bearbeitungsstrategien zu veranschaulichen, die im Verlauf solch einer umfangreichen Ausstattung angewandt wurden. Es ist ebenfalls die lagenweise Aufteilung und Abarbeitung des Buchschmucks zu beobachten und als wichtiger Faktor des Arbeitsablaufs festzuhalten.

 

Verteilung des Buchschmucks im Zwettler Exemplar

Das Zwettler Legendar wurde großzügiger mit figürlichen Initialen bedacht als das Heiligenkreuzer, beinhaltet aber weitaus weniger Rankeninitialen. Seine knapp 1000 Folios wurden von vier Händen mit 148 figürlichen Initialen (Heiligenkreuz: 45) und 263 Rankeninitialen (Heiligenkreuz: über 500) sowie einer großen Anzahl von verzierten Initialmajuskeln dekoriert. Einige wenige Initialmajuskeln tragen Fleuronnée, das aus der Entstehungszeit des Legendars stammt. Am Zwettler Legendar haben weniger Buchmaler mitgewirkt als am Heiligenkreuzer MLA (fünf Hände, maximal zehn Einzelzeichner): Die vier Zwettler Hände dürften sich in maximal sechs Einzelkräfte untergliedern lassen.

Während sich im Heiligenkreuzer Legendar Beschleunigungstendenzen erst gegen Ende des Dekorationsprozesses bemerkbar machen, lassen sich derartige Bestrebungen im Zwettler Legendar bereits ab dem zweiten Band (Cod. 24) konstatieren, in dem man den leichter zu zeichnenden Rankeninitialen (110 Stück) klar den Vorrang vor den komplizierteren figürlichen Initialen (39 Stück) gab. Diese Veränderung in der Ausstattungskonzeption wurde von einer neuen Zeichnerhand (Hand 3) eingebracht, die den zweiten Band zur Gänze gestaltete. Besonders gut ist die Umgewichtung im letzten Drittel des Bandes zu erkennen, wo ein Mitarbeiter von Hand 3 tätig wurde. Auf ein enges zeitliches und räumliches Zusammenwirken der Kräfte deutet der Sachverhalt hin, dass in den Bereichen der ersten und dritten Hand singuläre, von den anderen Händen geschaffene figürliche Initialen auftauchen.[19]

Die dritte Hand kann als Hauptkraft der Zwettler Legendarsausstattung bezeichnet werden, da von ihr das Gros der Rankeninitialen und der figürlichen Initialen in Cod. 24, 14 und 15 stammt. Nachdem sie in Cod. 24 von einer Hilfskraft unterstützt worden war, schuf Hand 3 in Cod. 14 alle Rankeninitialen und figürlichen Initialen, in Cod. 15 die erste Hälfte der Rankeninitialen und alle figürliche Initialen, die sich auf die ersten acht Lagen konzentrieren. Da Cod. 14 und 15 vormals eine Einheit bildeten, zeichnet diese Hand also für drei Viertel dieses „Großbandes“ verantwortlich. In den Lagen 31 und 35 (entspricht Cod. 15, Lage 5 und 9) taucht ein weiterer Zeichner (Hand 4) auf, der dann das verbleibende Viertel von Cod. 14/15 mit Rankeninitialen ausstattete. Ab der neunten Lage sind in Cod. 15 keine figürlichen Initialen mehr eingezeichnet, doch die Zeilenhöhe der Initialanlage spricht dafür, dass man solche vorgesehen hatte. Die altertümlichere und etwas plumpe vierte Hand besaß entweder nicht die zeichnerischen Fähigkeiten, um figürliche Initialen auszuführen, oder beschleunigte durch die Wahl des einfacheren Initialtyps bewusst den Ausstattungsprozess, der zu diesem Zeitpunkt dem Ende entgegen ging (vgl. Cod. 24).

Wie beim Heiligenkreuzer Legendar fehlt ein Teil der Legenden – und zwar für den Zeitraum von Juli bis September. Die Kontinuität im Buchschmuck von Cod. 24 zu 14/15 könnte dafür sprechen, dass hier nicht, wie im Fall des Heiligenkreuzer MLA, ein Teil verloren gegangen, sondern gar nicht erst kopiert worden ist.[20]

 

Einflüsse aus Heiligenkreuz

Stilistisch beeinflussend wirkte vor allem die Buchmalerei des Zwettler Mutterklosters Heiligenkreuz, insbesondere das gegen Ende des 12. Jahrhunderts (1183 bis um 1200) entstandene Heiligenkreuzer Legendar sowie das Antiphonar Cod. 20. Die Einflüsse lassen sich hauptsächlich bei den Zwettler Händen 2 und 3 festmachen. So zeigt Hand 2 sowohl bei den Draperien als auch im Rankenwerk Affinitäten zur Heiligenkreuzer Hand 5; zudem spiegeln sich in ihrer Figurengestaltung Regensburg-Prüfeninger Einwirkungen wider wie sie speziell auch bei der ersten Heiligenkreuzer Hand zu beobachten sind. Für Hand 3, die Haupthand des Zwettler MLA, lassen sich bei der Gestaltung der Rankeninitialen und bei den zoomorphen Motiven deutliche Verbindungen zur dritten Heiligenkreuzer Hand herausarbeiten (vgl. Maler-Zwettl). Des Weiteren beweist auch die vor allem ab f. 58v im Heiligenkreuzer Cod. 20 tätige Hand in der Gestaltung der Buchstabenkörper und des Rankenwerks sowie im Figurenaufbau starke Parallelen zur Zwettler Hand 3. Die aufwändigeren Initialmajuskeln in Cod. 14/15 erinnern durch ihr Rankenwerk sehr an Hand 1 des Heiligenkreuzer MLA, die ihrerseits Bezug zur Regensburg-Prüfeninger Buchmalerei erkennen lässt, sowie an eine Gruppe von vier Handschriften, welche wohl im Umkreis des Heiligenkreuzer Legendars entstanden sind.

Von einem weiteren stilistischen Einfluss legt die Einleitungsinitiale des Cod. 24 Zeugnis ab. Sie weist Baumgartenberger Charakteristika auf, die im Legendar allerdings nur bei dieser einen Initiale begegnen. Der Zeichner der in Rede stehende Initiale war entweder intensiv mit der Baumgartenberger Buchmalerei vertraut oder stammte aus Baumgartenberg selbst. Baumgartenberg (1141) ist nach Zwettl (1138) die zweite Tochtergründung, die von Heiligenkreuz aus erfolgte, so dass ein auf das Buchwesen bezogener Austausch zwischen den Tochterklöstern beziehungsweise innerhalb des Zisterzendreiecks Heiligenkreuz-Zwettl-Baumgartenberg nicht verwundert.[21] Auch in Baumgartenberg trug man um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert Heiligenviten zusammen (s. beispielsweise die Codices Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 422 und 473 sowie Wien, Schottenstift, Cod. 189) und pflegte diesbezüglich den Austausch mit Zwettl; so diente der Zwettler Cod. 49 als Textvorlage für den Linzer Cod. 473. Ein ähnlicher Sachverhalt, der in diesem Fall den engen Skriptoriumskontakt zwischen Zwettl und dem Mutterkloster Heiligenkreuz illustriert, liegt mit der Initiale f. 2r im Zwettler Cod. 163 vor. Diese Handschrift entstand Ende des 12. Jahrhunderts in Zwettl, was weitere an der Handschrift beteiligte Zwettler Zeichner belegen. Die Initiale auf f. 2r wurde jedoch von einer Hand geschaffen, die starke Verbindungen zum Heiligenkreuzer Cod. 24 und dessen Umkreis aufweist, man vergleiche zum Beispiel die in bewusste Zwettler Initiale mit Heiligenkreuz, Cod. 24, f. 14/10vb oder f. 33/29ra.

 

St. Pölten und Lilienfeld – ordensübergreifendes Buchschmuck-Netzwerk

Der in Wien aufbewahrte MLA-Band stammt aus St. Pölten, was auf der Basis des Buchschmucks mit Sicherheit behauptet werden kann. Schon das Admonter Exemplar, das im Benediktinerkontext entstand, zeigt, dass das Magnum Legendarium Austriacum kein vorzugsweise mit dem Zisterzienserorden verknüpftes Projekt war. St. Pölten, vor 840 als Benediktinerkloster gegründet, wurde ca. 1083 als Eigenkloster der Passauer Bischöfe mit Augustiner-Chorherren besetzt. In St. Pölten führten die Babenberger bereits um 1150 einen kirchliche und weltliche Macht verkoppelnden Schachzug aus, den sie 1168/69 in Admont wiederholten: Herzog Heinrich II. Jasomirgott (reg. 1144–1177) erhält vom Passauer Bischof Konrad I. von Babenberg (reg. 1148–1164), der 1164 als Konrad II. Erzbischof von Salzburg wird, das Vogtamt des Chorherrenstiftes St. Pölten als Lehen.[22]

Stift Lilienfeld, das 1202 vom Babenberger Herzog Leopold VI. als Grablege gegründet und 1206 von Heiligenkreuz aus besiedelt worden war, ist nach Heiligenkreuz und Zwettl die dritte Zisterze, in deren Bibliothek sich ein Magnum Legendarium erhalten hat. Wie die Zwettler Bände 14 und 15 haben wohl auch die Lilienfelder Codices 58 und 59 vormals eine Einheit gebildet.[23] Da zum einen der Schreiber der Cod. 58–60[24] auch in weiteren Lilienfelder Codices begegnet und demnach als in Lilienfeld tätig anzunehmen ist und zum anderen nachgetragene (?) Rankeninitialen in Cod. 59 Verbindungen zur Lilienfelder Buchmalerei (Cod. 52, zu dieser Hs. s. u.) beweisen, erscheint es plausibel, dass auch die zeichnerische Ausstattung der Codices 58 und 59 (Cod. 60 blieb ohne bedeutenden Dekor) dort erfolgte. Allerdings ist die Hand, die in Cod. 58 und 59 die allermeisten Rankeninitialen zeichnete, in keinem anderen erhaltenen Lilienfelder Codex nachweisbar.[25] Vielmehr steht diese Hand, wie auch der Löwenanteil der Silhouetten‑ und Rankeninitialen im Wiener Codex, in engem Verhältnis zu charakteristischem Formengut von Federzeichnungsinitialen, das auch im Stift St. Florian gepflegt wurde, weshalb der Wiener Codex und das Lilienfelder Legendar in der vorliegenden Einleitung in einem gemeinsamen Abschnitt zusammengefasst werden.

St. Florian ist ebenfalls ein Augustiner-Chorherrenstift, das etwas früher (1071) als das nur etwa 100 km östlich liegende St. Pöltener Stift gegründet worden war; Stift Lilienfeld befindet sich wiederum nur ca. 25 km südlich von St. Pölten – diese Entfernungen standen einem Austausch also nicht entgegen. Allerdings ist es schwierig, eine chronologische Abfolge der gegenseitigen Beeinflussungen festzulegen; mit Sicherheit lässt sich bislang nur eine gewisse, im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts festzumachende Gleichzeitigkeit der betreffenden Erzeugnisse in St. Pölten, Lilienfeld und St. Florian konstatieren. Dabei wird der Wiener Codex wegen seiner Nähe zu den frühen um 1200 anzusetzenden Werken eines für die St. Pöltener Augustiner-Chorherren tätigen Buchmalers an den Anfang des 13. Jahrhunderts datiert. Im Fall des Lilienfelder MLA liefern die Stiftsgründung und ‑besiedlung die termini post quos 1202 beziehungsweise 1206. Für den terminus ante quem ist der obengenannte Lilienfelder Cod. 52 mit dem ältesten ca. 1230 zu datierenden Lilienfelder Bibliotheksverzeichnis, in welchem das Legendar aufgeführt ist, von Bedeutung.[26] Die Parallelen zwischen den Rankeninitialen in Cod. 52 und den flüchtigen, eventuell nachgetragenen Initialen in Cod. 59 könnten darauf hindeuten, dass dieser Buchschmucknachtrag um 1230 erfolgte oder dass – falls man nicht von einem Nachtrag ausgehen will – der gesamte Rankeninitialendekor des Cod. 59, und damit auch des Cod. 58, im ersten Drittel des 13 Jahrhunderts entstand.

Auf jeden Fall lohnt der in der vorliegenden Analyse herausgearbeitete ordensübergreifende Zusammenhang in der Buchschmuckvermittlung des 12. und 13. Jahrhunderts innerhalb eines engmaschigen Netzes von ober‑ und niederösterreichischer Klosterskriptorien noch weitere Untersuchungen, wobei die oft vernachlässigten Federzeichnungsinitialen berücksichtigt werden müssen.

 

Melk – MLA-Buchschmuck in Hoch‑ und Spätmittelalter

In Melk, das 1089 vom Babenberger Markgraf Leopold II. von einem Kanonikerstift in ein Benediktinerkloster umgewandelt worden war, hat sich die einzige vollständige Fassung des Magnum Legendarium Austriacum erhalten. Der Buchschmuck dieses siebenbändigen Legendars – sowohl des Cod. 388, der dem 13. Jahrhundert entstammend zum ursprünglichen Melker MLA gehört, als auch der restlichen im 15. Jahrhundert entstandenen Bände (Cod. 546, 97, 492, 101, 16, 100) – wurde in Melk geschaffen, worauf die lokalen Schreiber und Buchmaler sowie die Einbände verweisen. Cod. 388 (Viten vom 1. Januar bis 14. Februar) dürfte wie der Heiligenkreuzer Cod. 14 Teil eines Großbandes sein, dessen andere Hälfte fehlt.[27]

Cod. 388 ist stilistisch in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu geben. Die Schriftdatierung, die auf eine Entstehung nach 1230 deutet,[28] erlaubt eine Eingrenzung der Buchschmuckentstehung auf das vierte oder fünfte Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts. Dies wird durch die wesentlichen Melker Vergleichscodices 383/a>, 382 und 295 gestützt, eine Handschriftengruppe, die ebenfalls um 1230 geschrieben wurde.[29]

Zum Zwettler Cod. 13 bestehen zwar eindeutige ikonographische Bezüge, aber nur zu den beiden ersten figürlichen Initialen.[30] Hierfür muss wohl ein indirekter Vermittlungsweg angenommen werden, denn darüber hinaus lassen sich keine direkten inhaltlichen und stilistischen Verbindungen zwischen dem Zwettler MLA und Cod. 388 nachweisen. Vielmehr sprechen nicht nur die einfachen Fleuronnée-Formen, sondern auch die sorgfältigen Federzeichnungsinitialen ff. 231v und 232r für eine stilistische Verankerung des Cod. 388 im Melker Skriptorium.

Fünf der sechs jüngeren Bände wurden vornehmlich durch den von 1453 bis 1474 in Melk nachweisbaren Schreiber Christophorus Lieb(ner) kopiert, der sich im vorletzten Band namentlich nennt (Cod. 16, f. 343va).[31] Ebendort sowie f. 348rb trug Lieb die Datierung 1471 ein. Sollten die Melker MLA-Bände des 15. Jahrhunderts in kalendarischer Abfolge kopiert worden sein, dann bedeutet das, dass der Schreibvorgang schon vor 1470 (wohl zweite Hälfte der 1460er Jahre) begonnen worden war und sich 1471 schon im fortgeschrittenen Stadium befand. Cod. 546 (Viten 1. bis. 31. Dezember), der sich in Format, Layout, Beschreibstoff, Ausstattung und Einband von den anderen Melker MLA-Handschriften des 15. Jahrhunderts abhebt, entstand wahrscheinlich vor Christopherus Liebs Schreibtätigkeit.

Die Ergebnisse der Buchschmuck-Analyse der jüngeren Melker MLA-Bände passen zum einen sehr gut zu diesem Entstehungsbild und legen darüber hinaus Zeugnis über die kohärente Weitervermittlung von Buchzier (und ihrer Vorlagen) im Melker Skriptorium des 15. Jahrhunderts ab. Ein entscheidender Impuls für den Deckfarbenschmuck ging aus von der nicht nur für die Melker, sondern vor allem für die Wiener Buchmalerei der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bedeutsamen Illuminatorenpersönlichkeit des Albrechtsminiators und spiegelt sich, vermittelt durch eine umfängliche Gruppe von Melker Handschriften aus dem dritten Jahrhundertviertel (mit Schwerpunkt in den 1450er Jahren), in den meisten jüngeren MLA-Handschriften wider. Immer vorausgesetzt, dass das Kopieren kalendarisch und das Ausschmücken sukzessiv erfolgte, ergibt sich folgende Chronologie der jüngeren Melker MLA-Bände (zu Cod. 546, der ohne nennenswerten Buchschmuck belassen wurde, s. o.): Cod. 97, 492 und 101 entstanden vor 1471. Die Vergleiche für den fleuronnierten Cod. 492 deuten auf eine Ausschmückung in den 1460er Jahren. Cod. 97 und 101 stehen im Kontext der vom Albrechtsminiator inspirierten Codexgruppe, so dass sie ins dritte Viertel des 15. Jahrhunderts zu geben sind, auf jeden Fall vor 1471. Dem 1471 datierten Cod. 16 kann eine Vergleichshandschrift von 1474 (Cod. 132) zugeordnet werden, so dass sich eine Datierung nach 1471 bis um die Mitte der 1470er Jahre plausibel argumentieren lässt. Cod. 100 kann aufgrund seiner 1486 datierten Vergleichshandschrift (Cod. 99) ohne Weiteres in die 1470er Jahre (mit Tendenz zum Ende des Jahrzehnts) gegeben werden.

 

[1] Diese Untersuchung wurde im Rahmen des FWF-Spezialforschungsbereiches (SFB) „Visions of Community (VISCOM): Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400-1600 CE)“ (Leitung: Walter Pohl, ÖAW, Wien) im Teilprojekt „Social and Cultural Communities across Medieval Monastic, Civic, and Courtly Cultures in High and Late Medieval Central Europe“ (Leitung: Christina Lutter, Universität Wien) durchgeführt. – Die eingeflossenen Buchschmuckvergleiche wären ohne den Zugang zum umfangreichen Bildfundus der Bibliotheksstiftung Otto Pächt, Wien, nicht zu leisten gewesen. – Für all ihre wertvollen Hinweise und Hilfestellungen danke ich sehr herzlich meinen Kolleginnen und Kollegen Christine Glaßner (ÖAW Wien), Martin Haltrich (Stiftsbibliothek Klosterneuburg), Katharina Hranitzky (Universität Wien), Martin Roland (ÖAW Wien), Lena Sommer (Universität Hamburg). Zu besonderem Dank bin ich Michaela Schuller-Juckes (Universität Wien) verpflichtet, die den Text Korrektur gelesen hat.

[2] Das Heiligenkreuzer Fragment HS 7F/8, das codicologisch hochinteressant ist, wurde in der Analyse nicht explizit berücksichtigt, da es zwar die Überarbeitungsmarken des Heiligenkreuzer Mönchs Ambrosius (um 1300) trägt, jedoch keinen bedeutenderen Buchschmuck

[3] Siehe Augustyn 2007, speziell 64.

[4] Klemm 1987, 42f.

[5] Siehe, auch für die nachfolgenden Ausführungen, Ó Riain 2015, insbes. 138f.

[6] Ó Riain 2015, 136f.

[7] Ó Riain 2015, 101 mit Anm. 44.

[8] Simader, Admont 2007, 362f.

[9] Vgl. Simader, Heiligenkreuz 2007, 356; Fingernagel 1985/2, 63f., Ó Riain 2015, 135f. sowie manuscripta.at.

[10] Da Otto von Bamberg in seiner Vita als „sanctus“ bezeichnet wird (Cod. 12, f. 308r) – seine Heiligsprechung erfolgte 1189 –, wird in der Literatur auch dieses Jahr als terminus post quem herangezogen; Diarmuid Ó Riain hält diese Annahme für problematisch (Diskussion s. Ó Riain 2015, 136f.).

[11] Prüfening wurde 1109 von Bischof Otto von Bamberg gegründet und 1114 mit Mönchen aus dem Reformkloster Hirsau im Schwarzwald besiedelt, woraus sich in Bezug auf die Prüfeninger Handschriftenproduktion in ihren Anfängen zum einen Relationen zur schwäbischen Buchmalerei ergeben, zum anderen lässt sich eine Einflussnahme der älteren bayerischen Tradition konstatieren und schließlich – sowohl für die figürlichen als auch für die Rankeninitialen – der bereits angeführte Einfluss der rheinischen Buchmalerei (s. Klemm 1987, 43f.).

[12] Fingernagel 1985/2, u. a. 207f.; Klemm 1987, 41, 44; Wolter-von dem Knesebeck 2007, 249–251; Simader, Heiligenkreuz 2007, 356; Klemm 2012, 260.

[13] Zu Kuno von Siegburg bzw. Regensburg, auch Konrad I. von Raitenbuch s. Lorenz Weinrich, Lorenz, „Konrad I.“, in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979) 523; auch unter der URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd122224817.html (letzter Zugriff: 09.06.2016).

[14] Siehe insbes. Fingernagel 1985/2, 197f. und Simader, Heiligenkreuz 2007, 356.

[15] Zum Channel Style u. a. Christine Jakobi-Mirwald, Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung. Stuttgart 2004, 255 und Nilgen 2007, 159–161.

[16] Siehe Augustyn 2007, 67.

[17] Vgl. Simader, Zwettl 2007, 360; Fingernagel 1985/2, 67f. sowie manuscripta.at.

[18] Sommer (in Vorbereitung).

[19] So befindet sich die Paulus-Initiale Cod. 13, f. 73ra, die von Hand 3 stammt, im Bereich von Hand 1 (Cod. 13, ff. ff. 2va–82vb) und die von Hand 2 ausgeführte Origenes-Initiale Cod. 24, f. 183ra, im Bereich von Hand 3 (ff. 15vb–286va).

[20] Siehe Ó Riain 2015, 107.

[21] Die Klöster liegen nicht mehr als 140 km voneinander entfernt: Heiligenkreuz-Zwettl 125 km, Heiligenkreuz-Baumgartenberg 135 km, Zwettl-Baumgartenberg knapp 80 km.

[22] Vgl. Ó Riain 2015, 104.

[23] Siehe Ó Riain 2015, 107.

[24] Zum Schreiber des Lilienfelder Cod. 60 s. unter Cod. 34: Hand A, die in Lilienfeld im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts tätig war und sich außer in Cod. 60 in folgenden Lilienfelder Codices nachweisen lässt: 34, 52, 54, 101, 108, 131, 140, 168, 181, 185 und 189 sowie, um 1200, in den beiden Heiligenkreuzer Codices 90 und 123 (Heiligenkreuz als Schreib‑ und Aufbewahrungsort).

[25] Zur Handgleichheit in Bezug auf die Rankeninitialen s. Roland 1996, 18, 22f. (Kat. 1/3 und 1/4). Die hier vorgeschlagene Handgleichheit mit dem Lilienfelder Cod. 163 ist allerdings nicht nachvollziehbar.

[26] Fol. f. 247v: II passionalia; zur Datierung Haidinger/Lackner 1997, 63; Ó Riain 2015, 108 (Anm. 67) weist darauf hin, dass der betreffende Eintrag, der am Ende des Verzeichnisses steht, von einer etwas späteren Hand stammt.

[27] Siehe Ó Riain 2015, 107.

[28] Ebd., 137 mit Verweis auf Haidinger 1989, 45, Anm. 129.

[29] Siehe Schmidt 1963/2005, 97 bzw. 14, Nr. 2.

[30] Zwettl, Cod. 13, f. 2va und Melk, Cod. 388, f. 1r (Hieronymus, Chromatius und Heliodor) sowie Zwettil Cod. 13, f. 3ra und Melk, Cod. 388, f. 2v (Basilius und Eubulus).

[31] Zu diesem aus Isny stammenden Schreiber s. Krämer, Scriptores sowie Meta Niederkorn-Bruck, Profeßbuch des Klosters Melk. 1. Teil. 1418–1452 (Stift Melk. Geschichte und Gegenwart 4). St. Pölten 1985, 79–202, hier 182f.